Dass die Quantenmechanik funktioniert, bezweifelt niemand. Sie sagt die Ergebnisse von Experimenten mit einer Genauigkeit voraus, die in der Physik ihresgleichen sucht, und ohne sie gäbe es weder Laser noch Computerchips. Was sie über die Welt aussagt, ist dagegen bis heute umstritten. Darum geht es in der Quantenphilosophie, und genau an dieser Stelle streiten sich Physiker und Philosophen seit hundert Jahren, manchmal erbittert, oft erstaunlich unterhaltsam.
Worüber gestritten wird
Der Kern des Streits ist das sogenannte Messproblem. Nach der Schrödingergleichung entwickelt sich der Zustand eines Quantenobjekts völlig gleichmäßig und vorhersagbar, und er kann dabei eine Überlagerung mehrerer Möglichkeiten sein. Misst man aber, findet man immer nur ein einziges Ergebnis, und welches das ist, lässt sich nur mit einer Wahrscheinlichkeit angeben. Was passiert bei der Messung, und was ist eine Messung überhaupt? Das berühmteste Bild dafür ist Schrödingers Katze.
Auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten, die alle dieselben Messergebnisse vorhersagen und sich nur darin unterscheiden, was sie für wirklich halten:
- Kopenhagener Deutung. Sie geht auf Niels Bohr und Werner Heisenberg zurück und war lange die Lehrbuchmeinung. Die Wellenfunktion beschreibt danach vor allem unser Wissen über ein System, und über das, was zwischen zwei Messungen „wirklich“ geschieht, schweigt die Physik. Eine einheitliche Lehre ist sie allerdings nie gewesen; Bohr und Heisenberg selbst haben sie verschieden ausgelegt.
- Viele-Welten-Deutung. Hugh Everett schlug 1957 vor, die Schrödingergleichung immer gelten zu lassen. Dann gibt es keinen Kollaps: Bei jeder Messung treten alle Ergebnisse ein, jedes in seinem eigenen Zweig der Wirklichkeit.
- Bohmsche Mechanik. Nach Ideen von Louis de Broglie und David Bohm haben Teilchen stets einen bestimmten Ort und werden von der Wellenfunktion geführt. Der Zufall ist dann nur scheinbar, der Preis ist eine Verbindung über beliebige Entfernungen, die „Nichtlokalität“.
- Kollapstheorien. Sie ändern die Schrödingergleichung selbst ein wenig ab, sodass Überlagerungen großer Objekte von allein zerfallen. Diese Theorien lassen sich im Prinzip experimentell prüfen.
- Neuere Ansätze wie die relationale Deutung von Carlo Rovelli oder der Quanten-Bayesianismus (QBism) verstehen Quantenzustände als Beziehungen zwischen Systemen oder als Erwartungen eines Beobachters.
Eine Frage ließ sich allerdings im Labor klären. John Bell zeigte 1964, dass jede Theorie, in der Messwerte schon vorher feststehen und sich nichts schneller als das Licht beeinflusst, bestimmte Grenzen einhalten müsste. Verschränkte Teilchen verletzen diese Grenzen, wie Experimente seit den 1970er-Jahren immer genauer gezeigt haben. Für solche Experimente erhielten Alain Aspect, John Clauser und Anton Zeilinger 2022 den Physik-Nobelpreis. Mehr dazu im Artikel Beamen und Verschränkung.
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