Quantenheilung: Was steckt dahinter?

Bewusstsein und Mythen · nachgeprüft

Zwei Finger berühren sanft eine Stelle am Arm, zwei andere eine Stelle am Rücken. Die Behandlerin schließt die Augen, wartet, bis sich in ihr eine Art Stille einstellt, und nach ein paar Sekunden soll sich beim Gegenüber etwas lösen: eine Verspannung, ein Schmerz, ein Gefühl. So oder ähnlich läuft eine Sitzung ab, die unter dem Namen Quantenheilung angeboten wird. Es gibt sie als Wochenendseminar, als Ausbildung mit Zertifikat und als Onlinekurs. Der Wissenschaftskabarettist Martin Moder hat einen solchen Kurs für 12,99 Euro gebucht und durfte sich danach Quantenheiler nennen[1].

Wir sind eine Seite über Quantenphysik, deshalb interessiert uns vor allem eine Frage: Was hat das mit Quanten zu tun?

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Was versprochen wird

Unter dem Etikett laufen verschiedene Methoden. Bekannt wurde im deutschsprachigen Raum vor allem die Variante des US-amerikanischen Chiropraktikers Frank Kinslow. Seine Methode soll über eine sanfte Berührung das Nervensystem dazu bringen, „unmittelbar auf Heilung“ umzuschalten, und sie „wirkt sofort – und jeder kann es lernen“, so wird sie beworben[2]. Andere Anbieter arbeiten mit „Frequenzen“, „Schwingungen“, „Nullpunktenergie“ oder Geräten, die angeblich das „Energiefeld“ des Körpers messen und ausgleichen.

Gemeinsam ist den meisten Angeboten eine Erzählung: Der Mensch sei im Grunde Energie und Information, die Quantenphysik habe gezeigt, dass Bewusstsein die Materie beeinflusst, und wer gezielt auf dieser Ebene ansetze, könne Heilung anstoßen, die die Schulmedizin nicht erreicht.

Was Quanten tatsächlich tun

Quantenphysik ist keine Philosophie, sondern eine Theorie, mit der man rechnen kann, und zwar sehr genau. Mit ihr kann man deshalb auch prüfen, ob die Behauptungen physikalisch Sinn ergeben. Drei Punkte sind dabei entscheidend.

Quanteneffekte sind im Körper flüchtig. Überlagerung und Verschränkung, die Phänomene, auf die sich die Anbieter meist berufen, überleben nur, solange ein System gut von seiner Umgebung abgeschirmt ist. Im warmen, feuchten Gewebe wird jede Überlagerung durch Stöße mit Wassermolekülen und Ionen in winzigen Bruchteilen einer Sekunde zerstört[3],[4]. Das heißt nicht, dass es in der Biologie keine Quanteneffekte gäbe. Jede chemische Bindung ist Quantenphysik, und manche Enzyme nutzen den Tunneleffekt. Aber das sind Vorgänge auf der Ebene einzelner Moleküle, die von selbst ablaufen. Man kann sie nicht mit den Händen oder mit Gedanken steuern.

„Frequenzen“ brauchen Energie. Wer Moleküle im Körper verändern will, muss Energie übertragen. Das Maß dafür ist die Energie pro Quant, E = hf[5]. Abb. 1 zeigt, wie winzig sie bei den Frequenzen ist, mit denen viele Geräte und Methoden werben. Schon die ganz normale Wärmebewegung bei Körpertemperatur ist tausendfach stärker. Chemische Bindungen lassen sich erst ab etwa einem Elektronenvolt beeinflussen, das schafft sichtbares und ultraviolettes Licht, aber kein Radiowellen-„Feld“.

Energie pro Quant im Vergleich zur Wärmebewegung im Körper Logarithmisches Balkendiagramm. Ein Quant aus einem UKW-Sender trägt etwa 4 Zehnmillionstel Elektronenvolt, ein WLAN-Quant etwa 10 Millionstel. Die Wärmebewegung bei Körpertemperatur entspricht etwa 0,027 Elektronenvolt. Rotes Licht hat etwa 1,9, UV-C-Licht etwa 4,9 Elektronenvolt. Erst ab etwa einem Elektronenvolt beginnt der Bereich, in dem chemische Bindungen verändert werden können. 10-710-610-510-410-310-210-1100101Elektronenvolt:Bereich chemischer BindungenUKW-Radio (100 MHz)WLAN (2,4 GHz)Wärmebewegung bei 37 °Crotes LichtUV-C-Licht
Abb. 1: Energie pro Quant für verschiedene Strahlungsarten, verglichen mit der Wärmebewegung im Körper. Logarithmische Skala, jeder Teilstrich ein Faktor zehn. Eigene Berechnung.

Bewusstsein ist kein Messgerät im Sinne der Physik. Dass „der Beobachter die Wirklichkeit erschafft“, ist eine verbreitete, aber falsche Lesart der Quantenmechanik. Gemeint ist dort die Wechselwirkung eines Teilchens mit einer Messapparatur, die auch funktioniert, wenn niemand hinsieht. Mehr dazu in unserem Artikel über Joe Dispenza und das Quantenfeld und beim Doppelspaltexperiment.

Der Wiener Physiker und Wissenschaftsautor Florian Aigner hat die Logik dahinter mit einem Vergleich beschrieben: Das sei so, als würde man behaupten, ein Auto fahre, weil im Motor Elektronen um Atomkerne kreisen[2]. Richtig ist daran nur, dass alles aus Atomen besteht. Erklärt wird damit gar nichts.

Warum es trotzdem guttun kann

Viele Menschen berichten nach einer solchen Sitzung, dass es ihnen besser geht, und es gibt keinen Grund, ihnen das abzusprechen. Nur liegt die Erklärung nicht in den Quanten. Zuwendung, eine ruhige Umgebung, Berührung, die Erwartung, dass etwas hilft, und das bewusste Entspannen sind wirksam, besonders bei Beschwerden, die stark mit Stress und Wahrnehmung zusammenhängen. Die Medizin nennt das Placeboeffekte, und sie sind gut untersucht. Sie können Schmerzen, Übelkeit und Erschöpfung spürbar lindern. Sie verändern aber nicht die Krankheit selbst, ein Tumor schrumpft dadurch nicht[6].

Daraus folgt eine ehrliche Bilanz: Wer sich in einer solchen Sitzung entspannt und danach weniger verspannt ist, hat etwas Gutes erlebt, aber keine Quantenheilung. Dieselbe Wirkung bekommt man auch bei einer Massage, einer Meditation oder einem langen Spaziergang, und zwar ohne Zertifikat.

Woran man unseriöse Angebote erkennt

Gefährlich wird es dort, wo Menschen mit ernsten Erkrankungen auf Heilung hoffen und deshalb eine wirksame Behandlung hinauszögern. Die Zürcher Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens hat im Zusammenhang mit ähnlichen Heilversprechen darauf hingewiesen, dass Betroffene sich bei ausbleibendem Erfolg oft selbst die Schuld geben[7]. Ein paar Warnzeichen helfen bei der Einschätzung:

  • Es wird Heilung versprochen, besonders bei schweren Krankheiten wie Krebs oder Multipler Sklerose.
  • Ärztliche Behandlung wird als unnötig oder schädlich dargestellt.
  • Begriffe wie Quantenfeld, Frequenz, Schwingung oder Nullpunktenergie werden benutzt, aber nicht erklärt oder belegt.
  • Es gibt teure Geräte, die das „Energiefeld“ messen oder harmonisieren sollen.
  • Statt Studien werden Erfahrungsberichte und Wunderheilungen erzählt.

In Deutschland verbietet das Heilmittelwerbegesetz übrigens irreführende Werbung, die Verfahren eine therapeutische Wirksamkeit zuschreibt, die sie nicht haben, oder fälschlich verspricht, ein Erfolg sei sicher zu erwarten[8]. Wer mit Sorge auf ein konkretes Angebot schaut, kann sich an die Verbraucherzentrale wenden. Und wer krank ist, gehört in ärztliche Hände. Entspannung, Meditation und Zuwendung können dabei eine gute Ergänzung sein.

Was Quanten wirklich können

  • Einsteins Schleier. Die neue Welt der QuantenphysikAnton Zeilinger · Goldmann · ISBN 978-3-442-15302-2Ein Nobelpreisträger erklärt ohne Formeln, was Quantenphysik ist und was nicht. Die beste Grundlage, um Quanten-Versprechen selbst einordnen zu können.Bei Amazon ansehen*
  • QED. Die seltsame Theorie des Lichts und der MaterieRichard P. Feynman · Piper, 2018 · ISBN 978-3-492-31316-2Wie Licht und Materie wirklich miteinander umgehen, erklärt mit Witz und ohne Mystik.Bei Amazon ansehen*

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Quellen

  1. L. Sonderegger: Mit Nullpunktenergie zu reinem Bewusstsein: Martin Moder wird Quantenheiler. Der Standard. derstandard.at.
  2. DocCheck: Quantenmedizin: Subatomarer Bullshit. Fachartikel, ohne Datum. doccheck.com.
  3. W. H. Zurek: Decoherence, einselection, and the quantum origins of the classical. In: Reviews of Modern Physics 75 (2003), S. 715–775, doi:10.1103/RevModPhys.75.715.
  4. M. Tegmark: Importance of quantum decoherence in brain processes. In: Physical Review E 61 (2000), S. 4194–4206, doi:10.1103/PhysRevE.61.4194.
  5. E. Tiesinga, P. J. Mohr, D. B. Newell, B. N. Taylor: CODATA Recommended Values of the Fundamental Physical Constants: 2018. In: Reviews of Modern Physics 93 (2021), 025010, doi:10.1103/RevModPhys.93.025010.
  6. T. J. Kaptchuk, F. G. Miller: Placebo Effects in Medicine. In: New England Journal of Medicine 373 (2015), S. 8–9, doi:10.1056/NEJMp1504023.
  7. N. Westenfelder: Heilung oder Humbug? Meditation mit Joe Dispenza – Lebenshilfe oder Geldmacherei? SRF Wissen, 20. Dezember 2023. srf.ch.
  8. Gesetz über die Werbung auf dem Gebiete des Heilwesens (Heilmittelwerbegesetz), § 3. gesetze-im-internet.de/heilmwerbg/__3.html.

Zitiervorschlag

quanten.de: Quantenheilung: Was steckt dahinter?. Stand: Oktober 2026. URL: https://quanten.de/quantenheilung.html

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